Wirklich? Mallorca? Jedes Jahr irgendwann um Ostern machen meine Mama,
mein Brüderchen und ich eine Woche Urlaub zusammen. Eigentlich jedes Jahr ein
anderes Ziel, so der Plan. Die letzten drei Jahre war es allerdings immer die
Ostsee (wir sind dem Bernsteinrausch verfallen), deshalb musste es dieses Jahr
(zu meinem Bedauern) woanders hingehen.
Ehrlich gesagt stand Mallorca nie auf meiner Urlaubsliste. Aus einem mir immer noch unerfindlichen Grund sind wir
dann aber doch auf Mallorca gelandet. Es stand einfach so als Ziel im Raum und so
sehr ich mich bemühte, nicht zu wollen, am Ende hieß es eine Woche Urlaub auf
der Insel im Mittelmeer. Ja, ich gebe es zu, ich habe riesengroße
Vorurteile gegenüber dieser Insel – zu meiner Verteidigung kann ich aber
immerhin sagen, dass ich weiß, dass es auch andere Seiten als den Ballermann
gibt. Das alles abseits davon superschön und toll und so natürlich ist…Leute,
auf deren Meinung ich wirklich viel gebe haben mir davon erzählt und ich glaube
ihnen auch. Trotzdem kam es bis zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mal in die
Nähe einer Erwägung als Urlaubsziel. Am Ende ist es das nur aus Bequemlichkeit
geworden. Wir steigen in ein Flugzeug – ich in Berlin, meine beiden Lieben in
Frankfurt – und schon sind wir da und können uns endlich mal wieder in die Arme
fallen.

Ganz so einfach war es dann doch nicht, es ist nämlich gar nicht so einfach
zwei Flüge zu finden, die zumindest am gleichen Tag am gleichen Ort landen.
Also landete ich geschlagene 30 Stunden früher in Palma, besorgte ein Auto und
machte mich auf den Weg ins Hinterland, nach Inca (ein Hauch Südamerika,
immerhin) und stellte dann fest, dass ich die Wegbeschreibung zu unserer Finca,
inklusive Karten beim netten Autovermietungsmann liegen gelassen hatte. Nachdem
ich mich dann mit unserer Vermieterin zusammen telefoniert hatte, die mich
netterweise quasi am Straßenrand aufsammelte, kam ich dann doch noch an. Die
kleine, quirlige Fincabesitzerin drückte mich zum Trost ganz fest (ich muss
sehr verloren geklungen haben am Telefon), zeigte mir die Wohnung mitsamt ihren gefalteten Handtüchern und überlies
mich dann meiner Einsamkeit.

Der nächste Tag brachte Regen. Und – trotz meinem Wunsch, ans Meer zufahren,
blieb ich erstmal im Pijama auf dem Sofa und las. Und las. Und las.
Zwischendrin gab es noch ein paar Tees zum aufwärmen. In der Wohnung war es
nämlich nicht allzu warm. Ganz im Gegensatz zu draussen, dort war es tatsächlich
ganz angenehm – abgesehen vom Regen. Nach ein paar Stunden hielt ich es dann
nicht mehr aus und machte mich doch noch auf den Weg ans Meer. Immer der Nase
nach.
Die Landschaft von Mallorca erinnert mich wahnsinnig an Südafrika. Die
Palmen, die Erde, die Steine, die Kakteen, die Straßen, die Berge, das Meer –
alles. Sogar die Häuser. Nur alles im Kleinformat. Während man in Südafrika
kilometerweit fährt und nichts als Landschaft um sich hat, trifft man in
Mallorca alle fünf Meter entweder auf einen Fahrradfahrer, auf zwei oder
gleiche eine ganze Gruppe von mindestens zehn Fahrradfahrern. Das man bald in
eine Ortschaft kommt merkt man dann daran, dass sich plötzlich auch noch Läufer
dazu gesellen. Irgendwie ist mir persönlich nicht sehr sympathisch. Im
Supermarkt vor und hinter mir: Menschen im Fahrradfahrer/ Läufer Outfit, die –
wer hätte das gedacht – sich auf Deutsch über die nächste Route unterhalten
oder ob sie heute lieber nochmal laufen oder radfahren gehen sollen. Ich bilde
mir ein, irgendwo mal gelesen zu haben, dass im Frühling viele nur zum
radfahren und laufen auf die Insel kommen, wegen der idealen Bedingungen. Tja,
hätte ich das mal lieber nicht so ganz auf die leichte Schulter genommen. Mit
meiner Sportlichkeit ist es nicht ganz so gut bestellt, oder, sagen wir mal so,
meine Motivation lässt zu wünschen übrig. Für nachdem Urlaub habe ich mir aber
fest vorgenommen, wieder anzufangen.

Die Luft auf Mallorca und ich haben noch nicht wirklich zueinander gefunden.
Es ist angenehm warm und auch der Regen nicht so schlimm – aber als ich dann
das erste Mal am Meer stehe, fehlt irgendetwas. Ich kann partout nicht sagen
was, bis es mir auffällt: Die Luft fehlt. Es riecht nicht nach Meer. Der
salzige Geschmack fehlt mir, der raue Wind. Und prompt bekomme ich
Kopfschmerzen. Ich bilde mir ein, das liegt an dieser komischen Luft, der
irgendwie der Sauerstoff fehlt. Es könnte auch daran liegen, dass ich zu wenig
getrunken habe – aber das blende ich mal aus.

30 Stunden totzuschlagen kam mir noch nie so anstrengend vor. Eigentlich
auch nur 29 Stunden, denn die Zeit wurde auf Sommerzeit umgestellt – zum ersten
Mal in meinem Leben freue ich mich tatsächlich über eine Stunde weniger. Was
man nicht alles macht, wenn man nicht weiß, was man machen soll: aus allen
Fenstern schauen, Vögel zählen, Katzen beobachten und sich von Katzen beobachte
lassen, Bäume definieren, schlafen am hellichten Tag, versuchen selbst eine
Landkarte zu zeichnen, Lesen, Tee trinken, Cornflakes aus der Box
schnabulieren, den Regen beobachten, den Globus betrachten, Tagebuch schreiben
(wieviel man doch schreiben kann auf einmal – jede Wette, sobald ich nicht mehr
alleine bin, schreibe ich nur noch ein Bruchteil davon auf), Blumen pflücken
gehen, darüber nachdenken im Pool schwimmen zugehen…
Und dann kann ich endlich losfahren zum Flughafen und meine Familie
abholen.